Redebeitrag von Olaf Bolduan bei der Hauptversammlung der Siemens AG

München, 06.02.2020

Wir für Siemens e.V. vertritt als Belegschaftsaktionärsverein berechtigt, aktiv und durch persönliche Präsenz die Stimmen von (Belegschafts-)Aktionären auf der jeweiligen Hauptversammlung im Sinne seiner veröffentlichten Zielsetzungen. Die Stimmrechte ergeben sich aus den ihm per (Dauer-)Vollmacht übertragenen Stimmrechten aus dem jeweiligen Aktienbesitz.

Vorstand Wir für Siemens

Sehr geehrte Aktionäre,
sehr geehrte Damen und Herren des Vorstands und Aufsichtsrats, mein Name ist Olaf Bolduan. Ich vertrete den Belegschafts-Aktionärsverein „WIR für SIEMENS“, kurz WfS.

Eigentümerkultur und Belegschaftsaktien Die Firmenleitung und gleichermaßen auch „WIR für SIEMENS“ haben sich gegenüber den zuständigen Bundesministerien seit langem stark gemacht für die Verbesserung der steuerlichen Rahmenbedingungen beim Erwerb von Belegschaftsaktien. Nun endlich ein positives Ergebnis: Der Förderungshöchstbetrag wird von 360 € auf 720 € pro Jahr steigen. Vermuten wir zu Recht, dass die Firmenseite schon jetzt alles tut, dass diese Verdoppelung des Förderungshöchstbetrags beim Basis-Aktien-Programm 2021 berücksichtigt wird?

2019 gab es zum 50. Mal Belegschaftsaktien bei Siemens.
Ein echtes Jubiläum!
Das wäre eine gute Gelegenheit gewesen, Eigentümerkultur und diese sozialpolitische Pionierleistung gemeinsam mit WfS gebührend zu würdigen.
Schade, dass all unsere Vorschläge dahingehend abgelehnt wurden.
Lobenswert hingegen, Herr Kaeser, ist das von Ihnen ins Leben gerufene Siemens Profit Sharing. Dieses mit 400 Mio. € dotierte Programm – von Mitarbeitern mit einem Augenzwingern als „Pott“ benannt – ist sehr gut angekommen. Ein Meilenstein in der Förderung der Eigentümerkultur -Weiter so!

Wir schätzen als Ankeraktionär eine ebenso langfristige wie sich wirklich auch lohnende Vermögensanlage an unserem Unternehmen. Wir sehen die Siemens-Aktien eben nicht als Spekulationsobjekt nach dem Motto einsteigen – filetieren – weiterziehen“, wie so mancher aggressive Investor.

Unternehmensstruktur:
Nach Windpower, Healthineers, Mobility ist jetzt Energy das Hauptthema beim Wandel der Unternehmensaufstellung. Diese „Ausgliederitis“ Verunsichert die Beschäftigten bis hin zum Misstrauen gegenüber dem Vorstand generell. Was bleibt denn von Siemens noch übrig, wenn frühere Kerngeschäfte wie Medizintechnik, Eisenbahntechnik und Energietechnik Ausgegliedert wurden bzw. werden? Gilt denn die alte Börsenweisheit, nicht alle Eier in einen Korb legen“ für die bisherige breite Aufstellung von Siemens nicht mehr? Hat nicht so mancher Siemens Bereich nur deshalb überlebt, weil ihn andere Bereiche mit über eine Krise retteten? Ein positives Beispiel dafür ist Mobility, ich komme gleich noch einmal darauf zurück. Die Begründung, dass diese Geschäfte durch Befreiung von den Fesseln der Siemens AG – Bürokratie dynamischer und schneller auf ihren Märkten agieren können, überzeugt nicht. Wenn ein wirtschaftliches Leben unter dem Dach der Siemens AG so bürokratisch eingeengt ist, was hindert den Vorstand der Siemens AG denn daran, diese Fesseln schon am Wittelsbacher Platz zu lösen?
Also: Quo vadis Siemens, läuft am Ende alles doch auf eine Holding-Struktur hinaus? Wir meinen: Der Vorstand muss seine Pläne viel dauerhafter leben und Vertrauen zurückgewinnen. Wir lehnen eine weitere Zergliederung definitiv ab.

Bleiben wir zunächst noch kurz bei Siemens Energy: Dieser akute Fall von „Ausgliederitis“ ist Anlass für erneut viel Unruhe und Diskussionen.
Siemens muss hier dauerhaft Ankeraktionär bleiben.

Ersparen Sie Mitarbeitern und auch allen Anteilseignern ein Schicksal a la OSRAM. Keine weiteren Abspaltungen bei Energy, kein Verkauf von Anteilen an Wettbewerber, keine „Fusion durch die Hintertür“.
Können Sie die verunsicherten Energy-Mitarbeiter beruhigen?
Wie ist die Auftragslage, Kapitalausstattung und Verschuldung beim Start am 1. Oktober 2020? Folgt Energy dem Grundsatz „Firmensitz dort wo produziert wird?“

Windkraft:
Es ist überfällig, die MA der SGRE (Siemens Gamesa Renewable Energy) endlich in ein MA-Aktienprogramm einzubeziehen, wie es ursprünglich einmal zugesagt war.
Wie ist der Stand?

Industrieller Kern:
Sie haben einen industriellen Kern definiert und organisiert.
Konjunktur und Strukturänderungen in vielen Branchen sind momentan für die Geschäfte in diesem Kern schwierig. DI hat zu kämpfen.
Folge: Enormer Druck, man spart an allen möglichen, aber auch unmöglichen Ecken. Uns wird berichtet von Kekserlässen (keine Kekse zu Besprechungen), bereits gestrichenen Weihnachtsfeiern 2019 und weiteren fragwürdigen Einsparungen. Treffen die Informationen von MA zu, dass in diesem Kernbereich sogar Investitionen und Innovationen zurückgestellt oder zeitlich gestreckt werden?
Wir fordern: Kein Sparprogramm bei Innovationen und Investitionen.
Keine Kernschmelze im industriellen Kern.

Mobility: steht gut und stabil wie nie zuvor da. Phönix aus der Asche, stark durch eigenes Können und auch stark gefördert durch die aktuelle Verkehrspolitik. Mobility hat strategische Bedeutung für unser Unternehmen, für die Verkehrswende und Klimapolitik insgesamt.
Nur mit unseren Zügen und Lösungen wird Klimapolitik funktionieren und CO2 im Bereich Verkehr eingespart werden.
Stärken Sie das Geschäft bei Siemens, keine weiteren Versuche mit Fusionen und Champions! Die Beschäftigten bei Mobility wollen konzentriert und in Ruhe an der „Zug-Kunft“ arbeiten! Dazu wäre Ihre klare Aussage „Ihr seid und bleibt Siemens“ gerade hier und jetzt sinnvoll!

Stärken Sie auch wieder den Pioniergeist im Unternehmen!

Warum wurde das Geschäft mit dem elektrischen Fliegen an Rolls-Royce verkauft?

Wachstum und Innovation: Ziel Ihres Programms Vision 2020+ ist Wachstum und Wertsteigerung.
Findet dieses Wachstum auch in Deutschland statt?
Gibt es dafür Pläne?
Wie stellen Sie sicher, dass Siemens-übergreifende gemeinsame Innovationsthemen (z.B. bei der Digitalisierung und auch bei anderen Schwerpunkten) durch Veränderungen in der Unternehmens-Struktur
(Beispiel Energy) nicht be- und verhindert werden? Wir befürchten wieder mehr Silos statt Zusammenarbeit. Für eine gute Idee halten wir Ihre Ankündigung bis 2025 1 Mrd. € für nachhaltige Projekte auszugeben.
Können Sie uns sagen, an welche konkreten Aktivitäten dabei gedacht ist?

Zum Schluss: Fridays for Future / Klimawandel:
Die Klimadiskussion und -demonstration hat den Wittelsbacher Platz erreicht. Der Klima-Dialog muss ehrlich, sachlich und mit Leidenschaft geführt werden und Siemens hat viel Verantwortung.

Herr Kaeser, Die Einrichtung eines Nachhaltigkeitskomitees wird von uns ausdrücklich begrüßt. Siemens – ein grüner Technologiekonzern –
das wollen wir als Verein „WIR für SIEMENS“. Mehr investieren und innovieren – für mehr Klimaschutz und ein noch grüneres Siemens.
Auch wenn es die Marge kurzfristig beeinträchtigt. Langfristig ist dieser Weg für Siemens und uns alle alternativlos.

Werner v. Siemens erkannte schon vor 150 Jahren:
Ich zitiere: „Ideen an und für sich haben nur einen sehr geringen Wert. Der Wert einer Erfindung liegt in ihrer praktischen Durchführung.“
Zitat Ende.
Und diese praktische Durchführung der Umweltrettung geht nur mit uns.
Mit einem stabilen und innovativen Siemens und allen Mitarbeitern im Unternehmen!

Danke für Ihre Aufmerksamkeit.

Rede WfS HV Feb. 2020 Olaf Bolduan